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STADTKIRCHE LIESTAL |
SONNTAG 11. SEPT. 2011 |
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14.30 UHR |
Frédéric Chopin (1810—1849)
Sonate g-Moll für Violoncello und
Klavier op.65 (1845/46)
Allegro moderato
Scherzo: Allegro con brio
Largo
Finale: Allegro
Ivan Monighetti
Johannes Brahms (1833—1897)
Sonate für Violoncello und Klavier Nr.1 e-Moll (1862/65)
Allegro non troppo
Allegretto quasi Menuetto
Allegro
Mischa Maisky
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 Frédéric Chopin (l.)
Johannes Brahms |
…VIVE LE ROMANTIQUE…
IVAN MONIGHETTI, MISCHA MAISKY
PAVEL GILILOV KLAVIER
Frédéric Chopin
«Ich werfe sie in die Ecke, dann sammle ich sie wieder auf.»
Nach dem Klavier kam bei Chopin lange nichts mehr. Aber was dann zuerst kam, war das
Violoncello, das einzige andere Instrument, für das Chopin bedeutende Musik geschrieben
hat. Dazu gehört die g-Moll-Sonate, sein letztes grosses Werk überhaupt. Wie sehr
ihm das Stück zu schaffen machte, zeigt sich in einem Brief an seine Schwester vom 11.
Oktober 1846: „Ich spiele ein wenig und komponiere ein wenig. Mit meiner Cellosonate
bin ich einmal zufrieden, das andere Mal nicht. Ich werfe sie in die Ecke, dann sammle
ich sie wieder auf.“ Es sind ungewöhnlich viele Skizzen zu diesem Werk vorhanden, die
zeigen, wie intensiv sich Chopin mit dem Problem der Sonate auseinander setzte, einer
Form, in der er nur wenige Werke geschrieben hatte. Auch das Zusammenspiel der beiden
Instrumente beschäftigte ihn besonders. Im Gegensatz zu den vielen Duos jener Zeit,
bei der das Melodieinstrument virtuos brilliert und das Klavier reine Begleitfunktion
übernimmt, ist gleich zu Beginn festzustellen, wie sehr Chopin vielfältige Beziehungen
der beiden Instrumente untereinander sucht: Klaviersolo, dezent begleitetes Cello, Cello
mit kontrapunktischer Klavierbegleitung, Klavier mit Begleitung des Cellos, gleichwertiger
Austausch von musikalischem Material bis hin zu kanonischen Passagen.
Johannes Brahms' op.38
"Piraterie, Plünderung, Plagiat oder Parodie?"
So lautet der provokative Titel einen Aufsatzes, in dem der amerikanische Cellist William Klenz Erstaunliches zu Tage fördert: Brahms' e-Moll-Sonate weist viele Bezüge zur e-Moll-Sonate von Bernhard Romberg auf, einem der grossen Cellisten des frühen 19. Jahrhunderts. Nicht nur die Tonart stimmt überein, sondern auch die Opuszahl - was allerdings weitgehend Zufall ist; ob Brahms dem im Rahmen des Möglichen nachgeholfen hat oder nicht, sei dahingestellt. In die technischen Einzelheiten dieser Bezüge wollen wir uns hier nicht vertiefen; an den Haaren herbeigezogen sind sie jedenfalls nicht. Deutlich ist aber auch Brahms' unvergleichlich höheres Niveau. Klenz war übrigens nicht der erste, der in diesem Werk fremdes Material entdeckt hatte: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte ein Musikschriftsteller darauf aufmerksam, dass das Fugenthema des dritten Satzes ein Zitat aus Bachs Kunst der Fuge ist, nämlich im Beginn notengetreu, aber auch in der Fortsetzung stark anklingend an das Thema der dortigen 13. Spiegelfuge a 3 über das variierte Thema und dessen Umkehrung.
Brahms' Sonate ist Dr. Josef Gänsbacher gewidmet, einem ausgebildeten Juristen, der aber - aus einem äusserst musikalischen Hause stammend - seinen Beruf an den Nagel gehängt hatte, um in Wien als Klavierlehrer und von 1875-1904 als Gesangsprofessor am Konservatorium der Gesellschaft Musikfreunde zu wirken. Zudem war er ausübender Cellist, der Kammermusik spielte. Es ist durchaus möglich, dass die Romberg-Sonate von den beiden gespielt worden ist - befreundet waren sie miteinander seit Brahms' erstem Aufenthalt in Wien. Mit der Widmung der Cellosonate bedankte sich der Komponist für Gänsbachers Vermittlung. Dieser pflegte nämlich gute persönliche Beziehungen zu den Schubert-Nachfahren und ermöglichte Brahms den Kauf der Autographe von zwanzig Schubert-Ländlern und vor allem vom Lied "Der Wanderer". Gänsbacher hatte sich übrigens gewünscht, dass ihm auch das Adagio herausgegeben werde, das Brahms geschrieben, gutgeheissen und dann schliesslich zugunsten des Allegrettos verworfen hatte - es ist jedoch nicht erhalten geblieben.
Zurück zum fremden Material: Auch Schubert ist von findigen, aber durchaus nicht nur spitzfindigen Forschern in der e-Moll-Sonate entdeckt worden - im Menuett Stücke eines Ländlers, und im dritten Satz Bezüge zur a-Moll-Sonate D 784. Noch immer nicht genug: Das Hauptthema des ersten Satzes klingt deutlich an ein e-Moll-Thema aus Schumanns Konzertstück op.92 an, und nicht zuletzt ist Beethoven mit seiner Klaviersonate op.2/3 als Bezugspunkt vertreten, und damit mit einem Werk, das Brahms schon in seiner Klaviersonate op.5 als Modell gestanden war.
Was tun mit einer derartigen Vielfalt von fremden Einflüssen? Der Antworten sind einige: Eine Huldigung an Brahms' Lieblingskomponisten, ein Resultat von Gesprächen mit Gänsbacher über die zitierten Werke, ein musikalisches Rätsel für ihn und die Nachwelt oder - und das ist wohl bei einem Meister wie Brahms das Vorrangige - eine anspruchsvolle kompositorische Aufgabestellung. Und unter diesem Aspekt finden wir bei allen plausiblen Bezügen weder "Piraterie, Plünderung, Plagiat noch Parodie", sondern genuinen Brahms.
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