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 Sofia Gubaidulina
und das Basilea
Guitar Ensemble |
SOFIA GUBAIDULINA ZUM 80. GEBURTSTAG
IRENA ZEITZ ORGEL
BASILEA GUITAR ENSEMBLE
STEPHAN SCHMIDT, GIUSEPPE FEOLA, GIL FESCH, FLAVIO VIRZI
ALEXANDER RUDIN, MARCIS KUPLAIS
Sofia Gubaidulina
Ihr Leben
Sofia Gubaidulina wurde 1931 in der Stadt Tschistopol der Tatarischen Autonomen Republik
in einer tatarisch-russischen Familie geboren. Ihre Mutter war Lehrerin, der Vater
Landvermesser. Mit sechs Jahren ging sie zur Kindermusikschule, mit acht Jahren begann
sie zu komponieren. Sie besuchte ein Musikgymnasium und studierte Klavier und Komposition,
später am Moskauer Konservatorium. Als Studentin wurde sie mit einem Stalin-
Stipendium ausgezeichnet. Während dieser Studien wurde ihre Musik als «pflichtvergessen
» bezeichnet, aber Dmitri Schostakowitsch ermutigte sie, ihren ‹Irrweg› fortzusetzen.
Seit 1963 als freischaffende Komponistin tätig, erhielt sie bald die ersten Preise und
Auszeichnungen. Um Geld zu verdienen und ihren Horizont zu erweitern vertonte sie
etwa fünfundzwanzig Dokumentar-, Trick- und Spielfilme.
Nach und nach wurde der Westen auf sie aufmerksam. Unter anderem war es der Einsatz
Gidon Kremers für ihr Violinkonzert Offertorium, der ihr in den achtziger Jahren half,
bekannt zu werden. Es folgten viele Aufträge namhafter Institutionen (darunter BBC, Berliner
Festwochen, NHK, The New York Philharmonic) sowie eine grosse Zahl von CD-Einspielungen.
Sie reiste zu Festivals, ihre Werke wurden aufgeführt und schlugen das Publikum
überall in der Welt in ihren Bann. 1992 übersiedelte sie nach Deutschland und
lebt in der Nähe von Hamburg.
Die Komponistin ist unter anderem Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der
Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie der Königlichen Musikakademie Stockholm.
Im Jahre 1999 wurde sie in den Orden «Pour le mérite» aufgenommen und 2009
mit dem Grossen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet.
Die Komponistin über ihre Musik
«Als Ideal betrachte ich ein solches Verhältnis zur Tradition und zu neuen Kompositionsmitteln,
bei dem der Künstler alle Mittel – sowohl neue als auch traditionelle – beherrscht,
aber so, als schenke er weder den einen noch den anderen Beachtung. Es gibt Komponisten,
die ihre Werke sehr bewusst bauen, ich zähle mich dagegen zu denen, die ihre
Werke eher ‹züchten›. Und darum bildet die gesamte von mir aufgenommene Welt
gleichsam die Wurzeln eines Baumes und das daraus gewachsene Werk seine Zweige und
Blätter. Man kann sie zwar als neu bezeichnen, aber es sind eben dennoch Blätter, und
unter diesem Gesichtspunkt sind sie immer traditionell, alt.»
«Den grössten Einfluss auf meine Arbeit hatten Dmitri Schostakowitsch und Anton Webern.
Obwohl dieser Einfluss in meiner Musik scheinbar keine Spuren hinterlassen hat,
ist es doch so, dass mich diese beiden Komponisten das Wichtigste gelehrt haben: mich
selbst zu sein.»
«Mir scheint, dass ich die ganze Zeit durch meine Seele reise, immer weiter und weiter
und weiter…»
Fünf Bemerkungen zu Sofia Gubaidulina von Ivan Monighetti
1. Sofia Gubaidulina ist Komponistin und Philosophin
zugleich, die über ewig gültige Probleme
nachdenkt: über den Sinn des Lebens, über das
Schicksal unserer heutigen Zivilisation und über
die Bestimmung des Künstlers in dieser Welt.
2. Die Musik von Sofia Gubaidulina weist uns den
Weg aus der gegenständlichen Welt in die Sphäre
der immaterialen Werte. In diesem Sinn ist ihre
gesamte Musik geistlich.
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3. Sie hört Klänge aus anderen Welten und übersetzt
diese in eine Sprache, die unserem Verständnis zugänglich ist.
4. Ihr Leben ist ein beispielhafter Dienst an der Musik auf der Grundlage einer phänomenalen
inneren Disziplin. Es ist faszinierend zu beobachten, dass die Leidenschaft ihres
Komponierens mit den Jahren keineswegs nachlässt, sondern immer mehr an
Feuer gewinnt.
5. Ihre Persönlichkeit ist eine unglaubliche Verbindung aus zarter Weiblichkeit, Feingefühl
und Anmut mit der Überzeugungskraft eines Predigers und geistiger Standhaftigkeit.
In croce
Die Komposition In croce – am Kreuz – ist ein einziges grosses Kreuzessymbol. Die Orgel
beginnt in höchster Lage mit Trillerfiguren und Dreiklangsumspielungen, in tiefster Lage
kommt etwas später das Cello hinzu. Die beiden Instrumente nähern sich im Laufe des
fünfzehnminütigen Stücks an und kreuzen sich: An diesem Punkt entlädt sich eine enorme
Energie, die einer elektrischen Entladung gleicht und nur langsam verebbt. Dann entfernen
sich die beiden wieder voneinander. Die Orgel steigt zu einer statischen Klangfläche
in tiefster Lage hinab; der Cellopart nimmt seinen Weg hoch hinauf zu den Trillerfiguren
und Dreiklangsumspielungen, die anfangs der Orgel vorbehalten gewesen waren.
Ravvedimento
Der Titel dieser im Jahre 2007 für Ivan Monighetti entstandenen Komposition Sofia Gubaidulinas
für Violoncello und Gitarrenquartett bedeutet soviel wie «Reue». Das Gitarrenquartett
in Ravvedimento besteht nicht aus vier herkömmlichen Gitarren, sondern aus
einer Sopran-, einer Alt-, einer Tenor- und der seltenen 13-saitigen Bassgitarre. Wenig
später liess Sofia Gubaidulina unter den Namen Pentimento und Repentance zwei Varianten
folgen. Alle drei sind Ivan Monighetti gewidmet und, wie die Komponistin formuliert,
von dessen schöpferischen Persönlichkeit inspiriert worden. Sofia Gubaidulina
kommentiert ihr Stück wie folgt:
«In diesem Werk hat mich insbesondere die Besetzung fasziniert, die Möglichkeit, ein
sehr individuell zu behandelndes Solocello dem völlig unerwarteten geheimnisvollen
Klangzauber des Gitarrenquartetts gegenüberzustellen. Diese Besetzung erlaubte es mir,
bei diesem Werk eine nicht ganz gewöhnliche Variationsform anzuwenden. Das stete Bemühen,
dem Geheimnis der konsonanten Klänge in den Flageolett-Akkorden der Gitarren
auf die Spur zu kommen, erweist sich jedes Mal als unerreichbares Ziel. So kehren
wir immer wieder zur dunklen Farbe zurück. Erst ganz am Schluss (d.h. in der fünften Variation)
führt eine bekenntnishafte Cellokantilene zu einem wahrhaft hellen Flageolettklang
der Soprangitarre. Diese Expressivität ist von solcher Kraft, als hätte sie einen Geist
befreit, der aus dem Dunkel der Höhle Platons nach Licht strebt.»
Valentin Silvestrov
Die Serenaden für zwei Celli
So unterschiedlich ihre Musik klingt, so nahe stehen
einander Sofia Gubaidulina und Valentin Silvestrov,
wenn es um die Rolle von Kunst und Künstlern in der
Gesellschaft geht oder um philosophische und religiöse
Ideen.
Nachdem Valentin Silvestrov 1999 für Ivan Monighetti
ein Werk für Solocello mit Einbezug zweier
grosser Gongs geschrieben hatte, schuf er drei Jahre
später, von 2002–2004, plötzlich etwa ein Dutzend Serenaden für zwei
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Violoncelli. Sie sind zum Teil in Erinnerung
an Komponisten geschrieben, die für Silvestrov wichtig waren. Zum Teil bilden
sie kleine Zyklen wie die drei, welche heute auf dem Programm stehen. Silvestrov benutzt
gleichsam das Alphabet, aus dem die Musik des 18. Und 19. Jahrhunderts gebaut ist, für
seine ganz neue, eigene Musiksprache. So entsteht eine etwas nostalgische, meditative
und sehr innerliche Musik. Eine, die sich schon beinahe nicht mehr an ein Publikum richtet,
sondern ein intimes Bekenntnis darstellt.
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