STADTKIRCHE LIESTAL
SONNTAG 11. SEPT. 2011
11.30 UHR

Sofia Gubaidulina (*1931)
«In croce» für Violoncello und Orgel (1979)
Marcis Kuplais, Irena Zeitz


Valentin Silvestrov (*1937)
Drei Serenaden für zwei Violoncelli

Unterbrochene Serenade
Abendserenade
Abschiedsserenade
Alexander Rudin, Marcis Kuplais


Sofia Gubaidulina
«Ravvedimento» für Violoncello und
Gitarrenquartett (2007)
Alexander Rudin, Basilea Guitar Ensemble

Sofia Gubaidulina und das Basilea Guitar Ensemble

Sofia Gubaidulina
und das Basilea
Guitar Ensemble

SOFIA GUBAIDULINA ZUM 80. GEBURTSTAG

IRENA ZEITZ   ORGEL
BASILEA GUITAR ENSEMBLE
STEPHAN SCHMIDT, GIUSEPPE FEOLA, GIL FESCH, FLAVIO VIRZI

ALEXANDER RUDIN, MARCIS KUPLAIS

Sofia Gubaidulina
Ihr Leben

Sofia Gubaidulina wurde 1931 in der Stadt Tschistopol der Tatarischen Autonomen Republik in einer tatarisch-russischen Familie geboren. Ihre Mutter war Lehrerin, der Vater Landvermesser. Mit sechs Jahren ging sie zur Kindermusikschule, mit acht Jahren begann sie zu komponieren. Sie besuchte ein Musikgymnasium und studierte Klavier und Komposition, später am Moskauer Konservatorium. Als Studentin wurde sie mit einem Stalin- Stipendium ausgezeichnet. Während dieser Studien wurde ihre Musik als «pflichtvergessen » bezeichnet, aber Dmitri Schostakowitsch ermutigte sie, ihren ‹Irrweg› fortzusetzen. Seit 1963 als freischaffende Komponistin tätig, erhielt sie bald die ersten Preise und Auszeichnungen. Um Geld zu verdienen und ihren Horizont zu erweitern vertonte sie etwa fünfundzwanzig Dokumentar-, Trick- und Spielfilme.
  Nach und nach wurde der Westen auf sie aufmerksam. Unter anderem war es der Einsatz Gidon Kremers für ihr Violinkonzert Offertorium, der ihr in den achtziger Jahren half, bekannt zu werden. Es folgten viele Aufträge namhafter Institutionen (darunter BBC, Berliner Festwochen, NHK, The New York Philharmonic) sowie eine grosse Zahl von CD-Einspielungen. Sie reiste zu Festivals, ihre Werke wurden aufgeführt und schlugen das Publikum überall in der Welt in ihren Bann. 1992 übersiedelte sie nach Deutschland und lebt in der Nähe von Hamburg.
  Die Komponistin ist unter anderem Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie der Königlichen Musikakademie Stockholm. Im Jahre 1999 wurde sie in den Orden «Pour le mérite» aufgenommen und 2009 mit dem Grossen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet.
Die Komponistin über ihre Musik

«Als Ideal betrachte ich ein solches Verhältnis zur Tradition und zu neuen Kompositionsmitteln, bei dem der Künstler alle Mittel – sowohl neue als auch traditionelle – beherrscht, aber so, als schenke er weder den einen noch den anderen Beachtung. Es gibt Komponisten, die ihre Werke sehr bewusst bauen, ich zähle mich dagegen zu denen, die ihre Werke eher ‹züchten›. Und darum bildet die gesamte von mir aufgenommene Welt gleichsam die Wurzeln eines Baumes und das daraus gewachsene Werk seine Zweige und Blätter. Man kann sie zwar als neu bezeichnen, aber es sind eben dennoch Blätter, und unter diesem Gesichtspunkt sind sie immer traditionell, alt.»
  «Den grössten Einfluss auf meine Arbeit hatten Dmitri Schostakowitsch und Anton Webern. Obwohl dieser Einfluss in meiner Musik scheinbar keine Spuren hinterlassen hat, ist es doch so, dass mich diese beiden Komponisten das Wichtigste gelehrt haben: mich selbst zu sein.»
«Mir scheint, dass ich die ganze Zeit durch meine Seele reise, immer weiter und weiter und weiter…»

Fünf Bemerkungen zu Sofia Gubaidulina von Ivan Monighetti

1. Sofia Gubaidulina ist Komponistin und
    Philosophin zugleich, die über ewig gültige
    Probleme nachdenkt: über den Sinn des
    Lebens, über das Schicksal unserer heutigen
    Zivilisation und über die Bestimmung des
    Künstlers in dieser Welt.
2. Die Musik von Sofia Gubaidulina weist uns
    den Weg aus der gegenständlichen Welt in
    die Sphäre der immaterialen Werte. In
    diesem Sinn ist ihre gesamte Musik geistlich.

   Sofia Gubaidulina und Ivan Monighetti
3. Sie hört Klänge aus anderen Welten und übersetzt diese in eine Sprache, die
    unserem Verständnis zugänglich ist.
4. Ihr Leben ist ein beispielhafter Dienst an der Musik auf der Grundlage einer
    phänomenalen inneren Disziplin. Es ist faszinierend zu beobachten, dass die
    Leidenschaft ihres Komponierens mit den Jahren keineswegs nachlässt, sondern
    immer mehr an Feuer gewinnt.
5. Ihre Persönlichkeit ist eine unglaubliche Verbindung aus zarter Weiblichkeit,
    Feingefühl und Anmut mit der Überzeugungskraft eines Predigers und geistiger
    Standhaftigkeit.

In croce

Die Komposition In croce – am Kreuz – ist ein einziges grosses Kreuzessymbol. Die Orgel beginnt in höchster Lage mit Trillerfiguren und Dreiklangsumspielungen, in tiefster Lage kommt etwas später das Cello hinzu. Die beiden Instrumente nähern sich im Laufe des fünfzehnminütigen Stücks an und kreuzen sich: An diesem Punkt entlädt sich eine enorme Energie, die einer elektrischen Entladung gleicht und nur langsam verebbt. Dann entfernen sich die beiden wieder voneinander. Die Orgel steigt zu einer statischen Klangfläche in tiefster Lage hinab; der Cellopart nimmt seinen Weg hoch hinauf zu den Trillerfiguren und Dreiklangsumspielungen, die anfangs der Orgel vorbehalten gewesen waren.

Ravvedimento

Der Titel dieser im Jahre 2007 für Ivan Monighetti entstandenen Komposition Sofia Gubaidulinas für Violoncello und Gitarrenquartett bedeutet soviel wie «Reue». Das Gitarrenquartett in Ravvedimento besteht nicht aus vier herkömmlichen Gitarren, sondern aus einer Sopran-, einer Alt-, einer Tenor- und der seltenen 13-saitigen Bassgitarre. Wenig später liess Sofia Gubaidulina unter den Namen Pentimento und Repentance zwei Varianten folgen. Alle drei sind Ivan Monighetti gewidmet und, wie die Komponistin formuliert, von dessen schöpferischen Persönlichkeit inspiriert worden. Sofia Gubaidulina kommentiert ihr Stück wie folgt:
  «In diesem Werk hat mich insbesondere die Besetzung fasziniert, die Möglichkeit, ein sehr individuell zu behandelndes Solocello dem völlig unerwarteten geheimnisvollen Klangzauber des Gitarrenquartetts gegenüberzustellen. Diese Besetzung erlaubte es mir, bei diesem Werk eine nicht ganz gewöhnliche Variationsform anzuwenden. Das stete Bemühen, dem Geheimnis der konsonanten Klänge in den Flageolett-Akkorden der Gitarren auf die Spur zu kommen, erweist sich jedes Mal als unerreichbares Ziel. So kehren wir immer wieder zur dunklen Farbe zurück. Erst ganz am Schluss (d.h. in der fünften Variation) führt eine bekenntnishafte Cellokantilene zu einem wahrhaft hellen Flageolettklang der Soprangitarre. Diese Expressivität ist von solcher Kraft, als hätte sie einen Geist befreit, der aus dem Dunkel der Höhle Platons nach Licht strebt.»

Valentin Silvestrov
Die Serenaden für zwei Celli

So unterschiedlich ihre Musik klingt, so nahe stehen einander Sofia Gubaidulina und Valentin Silvestrov, wenn es um die Rolle von Kunst und Künstlern in der Gesellschaft geht oder um philosophische und religiöse Ideen.
  Nachdem Valentin Silvestrov 1999 für Ivan Monighetti ein Werk für Solocello mit Einbezug zweier grosser Gongs geschrieben hatte, schuf er drei Jahre später, von 2002–2004, plötzlich etwa    ein   Dutzend   Serenaden    für    zwei

   Valentin Silvestrov und Ivan Monighetti
Violoncelli. Sie sind zum Teil in Erinnerung an Komponisten geschrieben, die für Silvestrov wichtig waren. Zum Teil bilden sie kleine Zyklen wie die drei, welche heute auf dem Programm stehen. Silvestrov benutzt gleichsam das Alphabet, aus dem die Musik des 18. Und 19. Jahrhunderts gebaut ist, für seine ganz neue, eigene Musiksprache. So entsteht eine etwas nostalgische, meditative und sehr innerliche Musik. Eine, die sich schon beinahe nicht mehr an ein Publikum richtet, sondern ein intimes Bekenntnis darstellt.


© Viva Cello 2011, Impressum

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