 |
STADTCASINO BASEL MUSIKSAAL |
SAMSTAG 10. SEPT. 2011 |
|
20.00 UHR |
Bernhard Romberg (1767—1841)
Concertino A-Dur für zwei Violoncelli
und Orchester op.72
Ivan Monighetti, Kian Soltani
Luigi Boccherini (1743—1805)
Konzert D-Dur für Violoncello
und Orchester G 479 (1770)
Ivan Monighetti
Alberto Ginastera (1916—1983)
Pampeana No.2 op.21 (1950)
Fassung für Streichorchester
Sol Gabetta
Pause
Max Bruch (1838—1920)
«Kol Nidrei» für Violoncello und Orchester
op.47 (1881)
Mischa Maisky
Krzysztof Penderecki (*1933)
Concerto grosso Nr.1 für drei Violoncelli und
Orchester (2001)
Mischa Maisky, Ivan Monighetti, Sol Gabetta
|
|
|
IN MEMORIAM MSTISLAV ROSTROPOVITCH
BASEL SINFONIETTA
MICHAŁ KLAUZA LEITUNG
SOL GABETTA, MISCHA MAISKY, IVAN MONIGHETTI, KIAN SOLTANI
Bernhard Romberg
Concertino A-Dur für zwei Violoncelli und Orchester op.72
Allegro maestoso – Andante grazioso
Die zwei ersten Konzerte dieses Abends wurden
von zwei Komponisten geschrieben, die auch als
Cellisten hervortraten. Rückblickend auf Bernhard
Romberg steht 1861 im Universal-Lexikon der Tonkunst:
«Romberg war in seiner Blüthezeit ein wahrhaft
grosser Virtuos; sein Spiel war von einer wunderbaren
Vollendung und Meisterhaftigkeit im
Technischen, sein Ton gross, edel und wohlklingend
und sein Vortrag gefühl- und geschmackvoll. |  |
Was seine Solo-Kompositionen für Violoncello betrifft,
so werden diese immer klassisch bleiben, enthalten sie doch Musikalisch-Vortreffliches
in Masse.» Das zeigt den musikalischen Standort des Cellisten, der in seiner Jugend einige
Zeit mit dem um drei Jahre jüngeren Ludwig van Beethoven in Bonn im Orchester
spielte und auch in den späteren Wiener Jahren mit ihm befreundet war. Der Dichter-
Musiker E.Th.A. Hoffmann war von Romberg begeistert, als er ihn 1814 in Berlin hörte,
und er beschrieb bei dieser Gelegenheit auf seine unnachahmliche poetische Art, wie
der ideale Interpret seiner Ansicht nach aussah: «Die völlige Freiheit des Spiels, die unbedingte
Herrschaft über das Instrument, so dass es keinen Kampf mit dem mechanischen
Mittel des Ausdrucks mehr gibt, sondern das Instrument zum unmittelbaren,
zwanglosen Organ des Geistes wird: das ist ja doch wohl das höchste Ziel, wornach der
ausübende Künstler strebt; und wer hat dies Ziel mehr erreicht als Romberg! Er gebietet
über sein Instrument, oder vielmehr dies ist mit aller seiner Stärke und Anmut, mit
seinem ganzen, seltenen Reichtum der Töne so zum Organ des Künstlers geworden,
dass es, wie ohne allen Aufwand mechanischer Kraft, wie von selbst alles ertönen lässt,
was der Geist empfunden. Nicht gleichgültig ist es in dieser Hinsicht, dass Romberg niemals
Noten vor sich hat, sondern alles, frei vor den Zuhörern sitzend, auswendig spielt.
Du kannst es nicht glauben, welchen eignen Eindruck dies auf mich machte. Die Soli
seines Konzerts wurden mir zur freien Phantasie, im Augenblick der höchsten Anregung
empfangen; all die wunderbaren, oft von der dunkeln Tiefe zur lichtesten Höhe aufblitzenden
Figuren brachen wie aus dem vom Moment erhobenen Gemüte hervor, und nur
der sich so mächtig verkündende Geist schien die Töne zu wecken, die, sich ihm fügend
und ihm in allen Verschlingungen folgend, im Orchester erklangen.»
Rombergs Concertino ist eines der wenigen Werke für zwei Violoncelli und Orchester
aus dieser Zeit; wann es genau geschrieben wurde, ist unklar, die Opuszahl möglicherweise
falsch. Aber wir wissen, dass Romberg es 1819 in Stuttgart aufgeführt hat, und
zwar mit Nikolaus Kraft, dem Solisten bei der Uraufführung von Beethovens Tripelkonzert.
Von Romberg selbst lesen wir, was er über die Konzertform dachte: «Der erste
Zweck, welchen man bei der Erfindung dieser Gattung im Auge hatte, war der, dem Virtuosen
Gelegenheit zu geben, seine Kunstfertigkeit zu zeigen.» Er beklagt dabei die früheren
Konzerte: «Ehemals waren die meisten Concerte so gehaltlos in Ansehung der
Harmonie und künstlichen Ausarbeitung, dass dieselben eines bestimmten Charakters
gänzlich ermangelten.» Deswegen bemühte er sich, in seinen eigenen Konzerten substanzieller
zu sein, so dass es «Musikalisch-Vortreffliches in Masse» zu hören gibt, und
das ist ihm gerade im Concertino vortrefflich gelungen.
Luigi Boccherini
Konzert D-Dur für Violoncello und Orchester G 479
Allegro – Adagio – Allegro
Das Cellokonzert D-Dur des um eine Generation älteren
Luigi Boccherini atmet den Geist des Rokoko;
es wurde 1770 in Paris gedruckt und ist wohl auch
in jener Zeit entstanden, als der Komponist daselbst
die Bekanntschaft der berühmten Cellistenbrüder
Jean-Pierre und Jean-Louis Duport machte. Allerdings
sind seine Konzerte so revolutionär in ihrer
Ausdrucksweise wie in ihrer Instrumentaltechnik,
dass sie damals ausser ihm niemand spielen
|  |
konnte; der Stand, welcher sein Spiel erreichte wurde erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts übertroffen. «Der Geist des Rokoko»,
damit sind jene Jahrzehnte gemeint, in denen zwar das Ancien Régime uneingeschränkt
herrschte, es aber auch allenthalben gärte – in Politik, Wissenschaft und Kunst. In der
Musik ist Esprit, leichter Schwung und Galanterie gefragt, Empfindsamkeit auch. All das
ist in diesem Konzert zu hören. Der erste und letzte Satz mit ihrem Schwung, ihren Pointen
und Anspielungen – hie und da etwa an ländliches Musizieren, wenn dudelsackähnliche
Klänge aufblitzen oder die raschen Wendungen von laut und burschikos zu leise und
verträumt sowie die witzigen kleinen Überraschungen. Der langsame Satz trägt schmerzliche
Züge, allerdings weit weg von Tragik, selbst wenn dissonante Akkorde mit Nachdruck
deklamiert werden. Viel wichtiger ist Melodien- und Terzenseligkeit.
Der ausgezeichnete Geiger und Pädagoge Jean Baptiste Cartier meinte 1798 in seinem
Buch L'art du violon: «Wollte Gott zu den Menschen in Musik sprechen, so täte Er es mit
den Werken Haydns; doch wenn Er selbst Musik hören wollte, würde Er sich für Boccherini
entscheiden.»
Alberto Ginastera
Pampeana No.2 op.21
Nicht nur kannte Alberto Ginastera die europäische
Musik gründlich, sondern er bezog sein ausgezeichnetes
Handwerk auch von ihr: Grosse Komponisten
wie Brahms oder Debussy waren seine Vorbilder,
und die französische Musik des frühen zwanzigsten
Jahrhunderts beeinflusste ihn ebenso wie Zwölftonmusik
und serielle Techniken. Doch stets blieb er –
wie etwa Béla Bartók in Ungarn oder Manuel de
Falla in Spanien – in der |  |
Musik seiner eigenen Heimat
verwurzelt. Was er einmal über seine Beziehung
Nicht nur kannte Alberto Ginastera die europäische
Musik gründlich, sondern er bezog sein ausgezeichnetes
Handwerk auch von ihr: Grosse Komponisten
wie Brahms oder Debussy waren seine Vorbilder,
und die französische Musik des frühen zwanzigsten
Jahrhunderts beeinflusste ihn ebenso wie Zwölftonmusik
und serielle Techniken. Doch stets blieb er –
wie etwa Béla Bartók in Ungarn oder Manuel de
Falla in Spanien – in der Musik seiner eigenen Heimat
verwurzelt. Was er einmal über seine Beziehung
zur argentinischen Pampa schrieb, lässt sich in Pampeana No.2 gleichsam hörend
nacherleben:
«Jedesmal wenn ich die Pampas durchquerte oder eine Zeitlang in ihnen gelebt hatte,
waren meine Sinne von den stets wechselnden Eindrücken überflutet, einmal freudig, ein
andermal melancholisch, und das alles hervorgerufen durch die grenzenlose Weite und
durch die Verwandlung, welche die Landschaft im Verlauf eines Tages erfährt. Empfindungen,
den meinen ähnlich, die der Anblick von ‹aquella immensidá› (jener Unendlichkeit)
erweckt, wie Hermández von der Pampas sagt, wurden auf ähnliche Weise auch
von gewissen Malern und Schriftstellern wahrgenommen. So schreibt Ricardo Güiraldes:
‹Eine riesige Sonne erhob sich jetzt über die Erde und verdunkelte sie: und ich fühlte mich
als ein Mensch, für den das Leben gut ist.› Und über die geheimnisvolle Stille der Nacht
sagt er: ‹Tief atmete ich den Hauch der schlafenden Felder ein. Heiter breitete sich die
Dunkelheit aus; Glühwürmchen stimmten sie froh wie Funken eines lodernden Feuers.›
Und später: ‹Über uns der Sternenhimmel gleich einem riesigen Auge, voll von leuchtenden
Sandkörnern des Schlafs.› Seit meinem ersten Kontakt mit den Pampas erwachte in
mir der Wunsch, ein Werk zu schreiben, das diese Zustände meiner Seele widergeben
sollte.»
Kein Zweifel: Der in Argentinien geborenen Sol Gabetta ist dieses Stück gleichsam auf
den Leib geschrieben.
Max Bruch
«Kol Nidrei» für Violoncello und Orchester op.47
Neben dem g-Moll-Violinkonzert ist Kol Nidrei das populärste Werk von Max Bruch.
Es entstand auf Wunsch des Cellisten Robert Hausmann, der von Bruch unbedingt ein
Stück für Cello und Orchester wollte: «Er hat mich so lange geplagt, bis ich endlich
das Stück geschrieben habe», seufzte Bruch. Der Untertitel lautet «Adagio für Violoncell
mit Orchester und Harfe nach Hebräischen Melodien», und der Komponist beschreibt
einem Freund, wie er zu diesem Material gekommen war: «Die beiden Melodien
sind ersten Ranges – die erste ist die eines uralten Hebräischen Bussgesanges,
die zweite (D-Dur) der Mittelsatz des rührenden und wahrhaft grossartigen Gesanges:
‹Oh weep for those that wept on Babel’s stream› (Byron), ebenfalls sehr alt. Beide Melodien
lernte ich in Berlin kennen, wo ich bekanntlich im Verein viel mit den Kindern
Israel zu tun hatte.» Mit dem «Verein» ist der Sternsche Gesangsverein gemeint, den
Bruch von 1878–80 dirigierte.
Die erste Melodie ist archaisch, schwermütig und voll starker emotionaler Wirkung.
Sie wird vor dem Yom Kippur während des Bussgottesdienstes gesungen. Während das
Original ruhig dahinfliesst, unterbricht Bruch den Fluss mit kurzen, seufzenden Pausen,
um den Ausdruck noch zu steigern, wie denn sein «Arrangement», wie er es nennt,
mehr von hochromantischen Gefühlen als von jüdischer Frömmigkeit geprägt ist. Das
kritisierte später Arnold Schönberg, der Bruch vorwarf, die Sentimentalität des Violoncellos
verfälsche den Geist des religiösen Textes. Vielleicht war es diese ‹sentimentale›
Auffassung, mit der denn auch das Stück bei seiner ersten Aufführung in Berlin, bei der
Bruch nicht anwesend war, «durch ein wahnsinnig langsames Tempo künstlich vom Leben
zum Tode gebracht wurde», wie Bruch schreibt. «Es ist die alte Geschichte – ist
man nicht selbst dabei, so hat kein Mensch eine Ahnung davon, wie man solch ein
neues Stück in Szene setzen muss.» Die zweite, hymnische Melodie erklingt nach etwa
sechs Minuten in D-Dur und führt das Stück feierlich zu Ende.
Krzysztof Penderecki
Concerto grosso Nr.1 für drei Violoncelli und Orchester
Andante sostenuto – Allegro con brio – Allegretto giocoso – Meno mosso.
Notturno. Adagio – Allegro con brio – Adagio
Der Titel Concerto grosso von Krzisztof Penderecki
weist auf eine barocke Form hin. Dort entsprechen
die drei Celli dem «Concertino», einer klein besetzten
Instrumentengruppe, die gegen das ganze Orchester,
das «Concerto grosso» antritt. Doch was
wir hier zu hören bekommen, ist alles Andere als
eine simple Gegenüberstellung zweier Klanggruppen,
denn seit dem Barock ist eine Entwicklung vonstatten
|  |
gegangen, die vom Komponisten in all ihren
Facetten mit einbezogen wird: Etwa die «Sinfonia concertante», welche in der Klassik das «Concerto grosso» unter sinfonischen Vorzeichen
ablöste, das heisst, die drei Soloinstrumente sind weit enger mit dem begleitenden Orchester
verflochten. Im neunzehnten Jahrhundert heisst dann eine solche, nun selten gewordene
Besetzung «Tripelkonzert», aber der sinfonische Aspekt bleibt erhalten.
Bei Penderecki sind alle diese Elemente gegenwärtig, wenn er uns auf eine grossartige
Reise durch eine vorwiegend ernste Klangwelt, reich an den verschiedensten Stimmungen,
mitnimmt. Die dunkle Grundierung wird von den drei Violoncelli gleich zu Beginn
vorgegeben, wenn sie miteinander in ein Gespräch eintreten, das nur wenig vom
Orchester unterbrochen wird. Dieser erste Teil (Andante sostenuto) – die sechs Teile gehen
fliessend ineinander über – führt zu einem Trauergesang, bei dem zu den
Soloinstrumenten dunkle Streicher und Hörner hinzutreten. Man hört, wie das Orchester
die Klangwelt der Celli potenziert: bereichert, verdichtet und vertieft. Eine erste Beschleunigung
führt zum zweiten Teil (Allegro con brio), der mit einem zwingenden
Marschrhythmus in der Trommel eingeleitet wird. Doch auch hier finden die Celli wieder
in einen ruhigen Dialog, der überleitet zum dritten Teil (Allegretto giocoso), einem
jetzt kernigen Marsch, der mit seinen wiederholten Bassschritten an eine gigantische Zirkusmusik
erinnert. Er löst sich gleich auf, kehrt aber immer wieder, und tiefdunkle, nachdenkliche
Phasen stehen neben laut schreienden. Nichts lässt einen gleichgültig an dieser
Musik, sie ist eindringlich, und der Komponist setzt seine Mittel souverän ein: mit
kräftigen Farben, teils majestätischen, teils erschreckenden Rhythmen, mit Glanzlichtern,
Blitzen und tiefer Dunkelheit ist alles magistral orchestriert und inszeniert. Der
vierte Teil (Meno mosso…) beginnt fast nur mit Streichern, und im fünften Teil (Allegro
con brio) treten die Soloinstrumente wieder mehr in den Vordergrund und steuern
das Geschehen auf einen Höhepunkt zu; eine lange Kadenz der drei Celli leitet über in
den sechsten Teil (Adagio), der zur Ruhe des Anfangs zurückführt. Mit einem vertrauensvollen
Akkord verklingt das grandiose Stück.
|
|