STADTKIRCHE LIESTAL
SAMSTAG 10. SEPT. 2011
15.30 UHR

Jürg Wyttenbach (*1935)
«ist klang der sinn?»
Sieben Gedichte von Kurt Marti
für sechs rezitierende Cellisten (2008)

dazwischen: Improvisationen


Thomas Demenga (*1954)
EFEU für Violoncello solo (2010)
Thomas Demenga


Pierre Boulez (*1925)
«Messagesquisse»
für sieben Celli (1975–77)
Louise McMonagle, Solocello


Samuel Barber (1910—1981)
Adagio for Strings op.11 (1936)
(Bearbeitung für sechs Celli
von Ekachai Maskulrat)



Jürg Wyttenbach (l.)
Thomas Demenga

IST KLANG DER SINN?

THOMAS DEMENGA UND SEIN CELLOENSEMBLE
LOUISE MCMONAGLE SOLOCELLO
THOMAS DEMENGA LEITUNG

BENJAMIN GREGOR-SMITH, EKACHAI MASKULRAT, DEBORAH TOLKSDORF, SAYAKA SELINA, ALESSIO PIANELLI UND SETH WOODS

Drei Komponisten zu ihren Werken

ist klang der sinn?

Die wunderbaren, sehr kurzen Gedichte des Berner Poeten Kurt Marti hatten mich sofort fasziniert durch ihre extrem verdichtete Prägnanz ( – ähnlich den japanischen Haikai). Als Lieder-Vorlage wollte ich diese nachdenklichen, zum Teil humorvollen Perlen deutschsprachiger Dichtkunst nicht missbrauchen! Rezitierende Cellisten (– oder Cellistinnen –), welche die Gedichte unverändert und ohne Pathos mit wenig Tönen gliedernd und färbend vortragen und kontrapunktieren, schienen mit besser geeignet als SängerInnen…
  Je eines der sechs Gedichte ist einem meiner befreundeten Berner Cellisten gewidmet: Thomas Demenga, Beat Schneider, Walter Grimmer, Matthias Schranz, Urs Frauchiger und Patrick Demenga. Jeder kann natürlich alle spielen… Sollte sich – wie in Liestal – die Gelegeneheit ergeben, dass für jedes der Gedichte ein Spieler bzw. eine Spielerin auftritt, würde sich das siebte Gedicht, «ländlicher wirtschaftsschluss» als Rausschmeisser für alle SpielerInnen gemeinsam sicher gut eignen…

Jürg Wyttenbach, Basel, 8. Mai 2011


EFEU

Der Beginn von «EFEU» stellt die vier Buchstaben vor, die in Emanuel Feuermanns Name musikalisierbar sind: E-A-F-D (re). Wie man diese Töne auch anordnet, sie ergeben einen angenehmen, wohlklingenden und harmonischen Akkord. Sie erklingen eingebettet in ein Arpeggiando über drei Saiten, mit jeweils zwei Flageoletts und einem gegriffenen Ton. Den Interpretinnen und Interpreten ist es überlassen, wie lange dieser Anfang dauert, denn die Wiederholungen dürfen ad libitum gemacht werden.
  Es folgen einige vertrackte Einwürfe, versetzt mit Linkhand-Pizzicati und Flageoletts, die schlussendlich in ein Giocoso-Getriller münden, um nach einem wilden Abstieg den nun folgenden Furioso-Läufen Raum zu schaffen.
  Plötzlich sich ausbreitende Quinten, die sich langsam über den gesamten Tonraum des Violoncellos in höchste Höhen bewegen, leiten den nun besinnlichen Teil des Stückes ein: Johann Sebastian Bachs Choral «Alle Menschen müssen sterben» wird zitiert und soll daran erinnern, wie jung Emanuel Feuermann von uns gegangen ist. Es ist den Ausführenden freigestellt, ob sie die letzte Phrase des Chorals mit ihrer Singstimme ergänzen. Die glockenartigen Pizzicatoklänge, die während des Chorals immer wieder zu hören sind, entstehen durch Aufsetzen einer Büroklammer auf die D-Saite, etwa 2 cm vor dem Steg.
  In der kurzen Coda stechen jetzt nur die normal klingenden Töne E-F-A-D aus den verzerrt und geräuschhaft klingenden Läufen heraus und die abschliessenden E-Dur-ähnlichen Pizzicato-Akkorde sollen uns noch einmal an den wohlklingenden Namen Emanuel Feuermann erinnern.
Thomas Demenga, München, 29. August 2010


Messagesquisse
Les messages sont souvent secrets.
  La musique a cet avantage :
    point de mots,
      les messages sont
      essentiellment personnels,
déchiffrés par chacun selon
l’emprise du moment.

                        Pierre Boulez
  Un chiffre – symbolique (réduit)
    des notes – symboliques (multipliées)
      des rhythmes – symboliques (diffractés)
  de quoi agencer un certain nombre
  de messages, multiples, divergents,
  de quoi faire passer quelques
  sentiments, point symboliques.

Le violoncelle est l’instrument choisi
  seul, exclusif
  pouvant se refléter soi-même,
  pouvant se dédoubler réellement.

Faut-il un chef d’orchestre ?
  Probablement, pour gagner du
  temps – comme toujours !

Seul les métronomes manquent, mais qui se soucie du possible,
quant on veut l’impossible ?
Pierre Boulez, 1976


Samuel Barber
«Eines der meistgespielten Werke der amerikanischen Musik»

Arturo Toscanini, der sich vor 1940 weder gross um moderne Musik kümmerte und schon gar nicht um zeitgenössische Amerikaner, bat Samuel Barber, ihm einige Partituren zu schicken. Doch es dauerte mehr als drei Jahre, bis dieser etwas hatte, das er des grossen Dirigenten für würdig befand. Neben Essay for Orchestra wählte er das Adagio für Streicher, eine Bearbeitung des langsamen Satzes aus dem Streichquartett op.11. Toscanini liess daraufhin nichts mehr von sich hören und verreiste nach Italien. Barber, der ihn dort zusammen mit Gian Carlo Menotti hatte besuchen wollen, war dadurch so verärgert, dass er Menotti allein schickte. Auf Toscaninis Frage, wo denn sein Freund geblieben sei, wich Menotti aus: Er fühle sich nicht wohl. «Das glaube ich nicht», sagte Toscanini. «Er ist wütend auf mich. Sagen Sie ihm, er brauche nicht wütend zu sein. Ich werde nämlich nicht eines seiner Stücke aufführen, sondern ich werde sie beide aufführen.» Von da an wurde Adagio for Strings eines der meistgespielten Werke der amerikanischen Musik.

Die Texte

ist klang der sinn?
ich sann nach sinn
ich hörte klang
ist klang der sinn?
auch rhythmus schwang:
bin der ich bin –
all sinn verscholl
der klang schwingt voll

schöner tag
wie schön es regnet
heute regnet
ohne heftigkeiten
ohne hinterlist
sehr höflich
fast vornehm
ein echter
gentleman-regen
schöner als heute kanns
auch morgen nicht regnen

webschiffchen zeit
die zeit
flitzt da
die zeit
flitzt dort
rasch
schnellt sie her
rasch
schnellt sie fort
und webt
mit ihrer fahrt
den stoff
der gegenwart
Samuel

nicht bei trost
bei trost hätt’ ich frieden
bei trost hätt ich’s gut
doch trost ist verreist:
und anstatt bei ihm
bin ich wieder
bei mir

seiltänzerin
fasst
fuss
auf wenig
fusst
auf
fast nichts
setzt
fuss
vor fuss
hoch
über
köpfen

alte weise
es zottelt
ein wölklein
heiter
noch weiter
ins blau
und weiss
doch genau
was ihm droht
denn das blau
ist sein tod

ländlicher
wirtschaftsschluss

schwarz steht der wald
und schweigend sieht er:
  beizverlasser
  draussensteher
  jassfachsimpler
  rederschöpfte
  gähngeplagte
  abschiednehmer
  querfeldstapfer
  freilandpisser
  sternlichtstauner
  lurchteichlaurer
  seltsambrummler
  bettschwerschlurfer
  stillverschwinder
schwarz der wald und
halber mond jetzt auch


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