 |
KASERNE LIESTAL DREIFACHTURNHALLE |
FREITAG 9. SEPT. 2011 |
|
19.30 UHR |
Gioacchino Rossini (1792—1868)
Ouvertüre zur Oper «Wilhelm Tell» (1829)
Fassung für Blasorchester von E.W.G. Leidzén
Gunta Abele, Marcis Kuplais, Konstantin
Manaev, Emil Rovner, Astrig Siranossian
Friedrich Gulda (1930—2000)
Konzert für Violoncello und Blasorchester (1980)
Nicolas Altstaedt
Pause
Jacques Offenbach (1819—1880)
Konzert G-Dur für Violoncello und Orchester
op.24 «Concerto Militaire» (1848)
Fassung für Blasorchester von Ph. Wagner (Uraufführung)
Emil Rovner, Astrig Siranossian, Konstantin Manaev
Kurze Umbaupause
Alexander Knaifel (*1943)
«The Spire of Buyan» (2010)
Festliche Musik in fünf Sätzen und einem
Epilog für neununddreissig CellistInnen
und zehn SchlagzeugerInnen
Kompositionsauftrag Viva Cello, Uraufführung
Dieses Konzert wird von Radio DRS2 aufgezeichnet. Es wird am Donnerstag, 24. November 2011 um 20.00 Uhr in der Sendung "Im Konzertsaal" ausgestrahlt.
|
|
|
  | 
Symphonisches
Blasorchester
Schweizer
Armeespiel |
ERÖFFNUNGSKONZERT
SYMPHONISCHES BLASORCHESTER
SCHWEIZER ARMEESPIEL
MAJ PHILIPP WAGNER LEITUNG
GUNTA ABELE, NICOLAS ALTSTAEDT, MARCIS KUPLAIS,
KONSTANTIN MANAEV, EMIL ROVNER, ASTRIG SIRANOSSIAN
VIVA CELLO-ORCHESTER
IVAN MONIGHETTI LEITUNG
Gioacchino Rossini
«Wer früh anfängt, muss auch früh wieder aufhören.»
Ja, Rossini hat wie so viele andere auch früh mit Komponieren begonnen: Mit zwölf schrieb
er heute noch gern gespielte Quartette, mit siebzehn seine erste Oper, welcher in den folgenden
zwanzig Jahren noch achtunddreissig weitere folgen sollten. Dann sagte er den
oben zitierten Satz und hörte ziemlich genau zu Beginn seiner zweiten Lebenshälfte auf,
für die Öffentlichkeit zu komponieren. Neununddreissig Opern, das bedeutet neununddreissig
Ouvertüren, und viele davon wurden wegen ihrem Temperament und ihrer Originalität
Konzertstücke. So auch die Ouvertüre zu Wilhelm Tell, seiner letzten Oper, deren
schwungvolles Reiterthema wohl eines der berühmtesten der Musikgeschichte geworden
ist und heute in manchem Handy als Klingelton haust. Aber beginnen tut dieses Stück
ganz anders: Ein einzelnes Cello singt seine gefühlvolle Kantilene, begleitet von vier weiteren
Celli – ein idealer Auftakt für Viva Cello 2011. Dann zeigt ein mächtiger Sturm das
kommende Drama an, auch wenn zunächst mit Hirtenflöte und -schalmei eine Schweizer
Idylle folgt, bis dann auf ein scharfes Signal der wilde Ritt beginnt.
Friedrich Gulda
Konzert für Violoncello und Blasorchester (1980)
Ouvertüre – Idylle – Cadenza – Menuett – Finale alla marcia
«Wenn ich heute nichts mehr tun würde, könnte ich
vom Cellokonzert alleine leben, und nicht einmal
schlecht.» So Friedrich Gulda zu seinem Erfolgsstück,
einem der meistgespielten Orchesterwerke
im Österreich der vergangenen drei Jahrzehnte; bei
seiner Uraufführung am 9. Oktober 1981 in Wien
wurde spontan eine Wiederholung auf den 31. Oktober
angesetzt. Gulda widmete das Stück, das er
für den Cellisten Heinrich Schiff geschrieben hatte, da- | 
Friedrich Gulda |
raufhin dem damals im Publikum anwesenden
österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Von der Kritik wurde das Konzert verrissen,
was Gulda, der eine sehr direkte Sprache führt, egal war: «Ich weiss, dass gewisse
Herren, die sich einbilden, von Musik furchtbar viel zu verstehen, Vorbehalte gegen
meine Kompositionen haben, aber das Publikum gibt seiner Zustimmung lautstarken Ausdruck.
Seit die sogenannte Fachpresse das nicht mehr leugnen kann, sagt man, weil man
mich, um konsequent zu sein, weiterhin schlecht finden muss, der Mann ist grossartig,
aber nur als Clown und als Possenreisser.»
Das Konzert wird zwar von einer Rhythmusgruppe bestehend aus Gitarre, Bass und
Schlagzeug begleitet, aber die Blasinstrumente sind die des klassischen Orchesters: Flöte,
Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Trompete, Posaune und Tuba. Die Spielweise ist ebenfalls
klassisch, es soll also nicht wie eine Bigband mit Saxophonen und Blech klingen. Dem
Cellisten stellen sich dagegen gänzlich neue Anforderungen, da er klassische Spieltechniken
in den Rock transferieren muss. Das macht es immens schwierig; der aggressive,
genau ausnotierte Rockrhythmus ist exakt aber locker auszuführen.
So beginnt die Ouvertüre nach vier einleitenden Takten gleich mit einer Bluesform; die
Melodie der Idylle klingt jedoch eindeutig nach Volksmusik und «bezieht sich sehr wörtlich
auf das Salzkammergut als Quelle der Schönheit, Grösse und Einfachheit dieser Musik
», wie Heinrich Schiff es beschreibt, der selbst aus dem Salzkammergut stammt. Das
Menuett dagegen ist die umgearbeitete Fassung des gleichnamigen Satzes aus Les Hommages,
einer Suite für Big Band, mit welcher der Komponist 1965 den verschiedenen
Tanzformen seine Ehre erwies. Zum Finale alla marcia sagt Heinrich Schiff:
«Der letzte Satz überfällt den Hörer mit auftrumpfender Lustigkeit, nicht mit alpenländischer
Blasmusik kokettierend, sondem diese voll ausführend. Das Cello darf auf dieser
deftigen Basis virtuos brillieren; auch der geliebte und gefeierte Star-Tenor des Kurortes
(Böhmen?) darf zweimal zeigen, wie schrecklich schön und gefühlvoll er singen
kann. Wie ein Salzkammergut-Gewitter entwickelt sich noch einmal ein jazzoider und
unheimlich aufgeregter Mittelteil, nach welchem zunächst lächelnd, bis zum Ende wieder
laut lachend und den inzwischen ziemlich atemlosen Solisten anfeuernd, eine ‹Coda
par excellence› den glanzvollen Schluss bildet.»
Jacques Offenbach
«Concerto Militaire» für Violoncello und Orchester op.24
Allegro maestoso – Andante – Allegretto
Viele kennen den Cancan aus Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt oder die
Barcarolle aus Hoffmanns Erzählungen. Weit weniger bekannt ist aber, dass Offenbach,
bevor er Mitte des 19. Jahrhunderts ein weltberühmter Operettenkomponist wurde, ein
damals ebenso berühmter Cellospieler war, den man «den Liszt des Violoncellos» nannte.
Drei Dinge verhalfen ihm dabei zum Erfolg. Das erste war seine rasche Komponierweise.
So war 1837 im Pariser Blatt Le Ménéstrel zu lesen: «Herr Offenbach komponiert regelmässig
drei Walzer vor seinem Frühstück, eine Mazurka nach seinem Diner und vier Galopps zwischen den beiden Mahlzeiten.» Das zweite war seine Reklametüchtigkeit, denn
natürlich hatte er selbst diesen Artikel platziert, in dem weiterhin stand: «Es gibt in Paris
eine ganz junge Berühmtheit, von der die musikalische Welt traurigerweise nichts ahnt.
Dieser junge Wundermann bittet uns, bekannt zu geben, dass er ein weisses Taschentuch
verlor, auf welchem er das Manuskript eines Walzers gekritzelt hatte. Dem ehrlichen
Finder eine hohe Belohnung.» Das dritte war sein schauspielerisches Talent: Als er
in einem der Pariser Salons ein Konzert gab, machte er sich mit einer mitten in seinem
Auftritt perfekt fingierten Ohnmacht zum Helden des Abends.
Aber da ist noch ein vierter Baustein seines Erfolgs: Er war in der Tat ein meisterhafter
Cellist; der angesehenste in der Generation nach Bernhard Romberg (s. Konzert 4).
Er trat zusammen mit Liszt und Mendelssohn auf, spielte vor der Queen Victoria und
Napoleon III. Seine Beherrschung des Instruments grenzte damals an Hexerei, aber er
war auch bereit, auf dem Cello die ganze Tierwelt nachzuahmen. Sein Verdienst war
es zudem, das Cello, dessen Ausdrucksmöglichkeiten er ganz genau kannte, nicht nur
im elegisch-schmachtenden Bereich zu belassen, sondern seine Musik atmet auch
Sorglosigkeit und sprudelnde, melodische Spontaneität. Dies alles ist in seinem Concerto
militaire, das seinen Namen wegen seiner Fanfaren, Trommeln und Marschrhythmen
trägt, zu hören, aber auch aufjubelnder Schwung und im langsamen Satz eine von
Offenbachs schönsten lyrischen Eingebungen.
Alexander Knaifel
«The Spire of Buyan» (Die Turmspitze von Bujan)
Festliche Musik in fünf Sätzen und einem Epilog für neununddreissig CellistInnen
und zehn SchlagzeugerInnen
Mstislav Rostropovitch, Ivan Monighetti, Tschernomor und allen Bürgerinnen und Bürgern
des Cellokönigreichs gewidmet.
«Sind Sie je der Zarin von Schamachan begegnet?
Oder vielleicht Tschernomor? Oder haben Sie schon
einmal etwas gehört vom goldenen Hahn? Vom
Eichhörnchen mit den goldenen Nüssen? Oder von
der Schwanenprinzessin? Oder sind Ihnen vielleicht
andere noch nie gesehene und gehörte Wunder widerfahren?
Mein berühmter Namensvetter Alexander Puschkin
hat mir davon erzählt. Aber er selber wusste
nicht genau, wo alle diese We- | 
Alexander Knaifel (r.) mit Ivan Monighetti |
sen leben und diese Wunder geschehen. Ich aber habe Glück gehabt! Ich weiss nämlich, sie alle befinden sich
im mächtigen Königreich des Cellos. Und Sie können eines Tages auch dorthin gelangen,
weil die Zauberschlüssel dazu, die besitzt mein Freund Ivan Monighetti. Und ihm sind sie
bestimmt schon mehrmals begegnet. Er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter in Sachen
Cello werden Ihnen diese Zauberwelt in Viva Cello ein weiteres Mal erschliessen.»
Alexander Knaifel
Alexander Knaifel wurde 1943 in Taschkent, Usbekistan, geboren und begann seine Musikerlaufbahn
als Cellist. Als ihn eine Nervenentzündung zwang, das Instrumentalspiel
aufzugeben, wandte er sich der Komposition zu und studierte in Sankt Petersburg. Anfang
der Sechzigerjahre war er Mitglied einer Komponistengruppe, der auch Edisson Denissow,
Sofia Gubaidulina, Alfred Schnittke, Valentin Silvestrov und Arvo Pärt angehörten.
In den Siebzigerjahren verlangsamte sich Knaifels Schaffen zu Gunsten grösserer
und strukturierterer Werke. Im Grenzbereich von Philosophie, Psychologie und Esoterik
angesiedelt, ist seine Musik der Neunzigerjahre stark von einer religiösen Thematik
geprägt. Knaifels Stil würdigt die Presse: «Künstlerisch wunderbar überhöht taucht der
Komponist ein in die religiöse Atmosphäre seines Landes und des Segen spendenden
spirituellen Lichts. Es ist mithin Ausdruck einer Hoffnung auf spirituelle Durchdringung
der Welt.» (Stereoplay zu Svete Tikhiy) Bedeutende Musiker wie Mstislav Rostropovitch, Gennadi Roschdestwenski oder Gidon Kremer haben seine Werke interpretiert.
Alexander Knaifel hat bis heute ein umfangreiches Schaffen aus Musiktheaterstücken,
sinfonischen Kompositionen, Filmmusiken, Kammer- und Vokalmusik vorgelegt. Geistliche
Werke und Theater, auch instrumentales Theater, spielen dabei eine grosse Rolle. Er
schreibt zudem gerne für ausgefallene Besetzungen, so etwa Canticum Canticorum für
eine Kirche, vier Chöre und ein Cello. Oder Jeanne, Passion für dreizehn Gruppen von
insgesamt sechsundfünfzig SolistInnen. Auch in The Spyre of Buyan (Die Turmspitze von
Bujan) spielen die neunundvierzig Mitwirkenden ihre je eigene Stimme.
Die Komposition bewegt sich in der Welt von zwei Märchen Alexander Puschkins: «Das
Märchen von Zar Saltan» (a) und «Das Märchen vom goldenen Hahn» (b). Die fünf direkt
aneinander anschliessenden Sätze – der erste ist gerade mal fünfundvierzig Sekunden lang
– verbinden einzelne Episoden aus den beiden Geschichten, die im volkstümlichen Versmass
wiedergegeben sind, das auch Puschkins Original charakterisiert.

I (a)
Fern dort eine Flotte zieht –
durch den blauen Ozean.
Plötzlich von Kanonen dröhnt es,
und von Glockenläuten tönt es.
II (b)
Vor Dadon erschien der Weise
neigte tief das Haupt, das greise,
griff in einen Sack und holt‘
einen Hahn hervor aus Gold.
III (a)
Kommt der Zar zum Hofesraum,
unterm hohen Tannenbaum
sitzt das Eichhorn, singt und knackt
Nüsse zu des Liedchens Takt.
Goldne Nüsse, drin die Kerne
Edelsteine; nah und ferne
liegen auf dem Hof die Schalen.
IV (b)
Aus dem Zelte, jung und blühend,
wie das Morgenrot erglühend,
trat die Zarin Schamachan
vor Dadon und sah ihn an.
V (b)
Nahm die Jungfrau und die Schar –
in die Heimat zog der Zar.
Und es lief von Mund zu Munde
schon die wundersame Kunde
von der schönen Schamachan.
Strömte jubelnd, mit Geschrei,
zum Empfang das Volk herbei
und begrüsste froh und laut
Zar Dadon und seine Braut.
Epilog (b)
Wandt‘ der Weise sich zum Zaren:
«Für den goldnen Hahn zum Lohn,
sprachst du damals, Zar Dadon,
will ich deinen ersten Willen,
den du kundtust, dir erfüllen.»
|
|